1942 – 1945

Zur Fliegerei kam ich über Umwege. 1941 meldete ich mich freiwillig zur Wehrmacht, um dem Reichsarbeitsdienst (RAD) zu entgehen. Stechschritt mit Spaten und „Präsentiert die Schippe!“ – das war nichts für Opas Enkel. Man liest sich nicht durch Berge von Heldensagen und Abenteuerromanen, um dann Straßengräben auszuheben. Deutschland befand sich seit fast zwei Jahren im Krieg und wir Jungspunde waren mit unseren knapp achtzehn Jahren beseelt von dem Gedanken, unseren heldenhaften Beitrag zum glorreichen Siegeszug zu leisten. Eigentlich wollte ich zu den Fallschirmjägern, damals die Helden der Nation, so wie der weltberühmte Boxer Schmeling, unser aller „Maxe“.

Bei der  Musterung stellte man fest, dass ich auf einem Auge nicht die volle Sehschärfe besaß. Ich merkte zwar nichts davon, aber so wurde es mir mitgeteilt. Mit dem Fallschirmspringen war’s deshalb Essig. Auf meine Frage, was ich denn sonst werden könnte, lautete die Antwort: Flugzeugführer! Aha – fürs Springen aus dem Flieger war ich zu blind, aber zur Verantwortung für das teure Flugzeug sowie Leib und Leben Insassen reichte es allemal. Na, von mir aus! Ich beschloss also, ein fliegerischer Held zu werden – auch die hatten damals Konjunktur: Werner Mölders, den man mit allen erdenklichen Orden ausgezeichnet hatte, Hans-Joachim Marseille („Der Stern von Afrika“) oder Rudel, der mit seinem Stuka Ju-87 ein gefürchteter „Panzerknacker“ war.

Eingezogen wurde ich am 12. Juli 1942. Alle Einberufenen mussten sich auf dem Trommelplatz zwischen Stadtverwaltung und Nordbahnhof melden. Von da ging es per Reichsbahn – nachts mit verdunkelten Fenstern – zunächst nach Berlin-Oberschöneweide, wo wir eingekleidet wurden. So wurden wir Zivilisten zu Soldaten, zumindest optisch. Von Berlin mit dem nächsten Sonderzug gen Frankreich, nach Saint-Omer. Das dauerte einige Tage. Die Zeit vertrieb man sich mit Erzählen, Kartenspielen oder Lesen, je nach Neigung. Oder man spekulierte darüber, wie lange der Krieg noch dauern würde und welche Kämpfe auf uns warten würden. Vermutlich aber freuten wir uns einfach aufs Fliegen und über die schicken, blauen Uniformen mit den Schwingen und den gelben Kragenspiegeln.

Luftwaffe, das war schon was! Wir empfanden uns als etwas Besonderes, wie Mitglieder eines elitären Clubs. Wie sagte man damals: Soldaten des Heeres, Männer der Marine, aber – meine Herren von der Luftwaffe! Zu der Zeit, als Autos in Wohnvierteln noch eine bestaunte Attraktion waren, besaßen Flieger einen exklusiven Status wie heutzutage Astronauten. Damit und mit unseren zukünftigen Heldentaten würden wir bei den Damen renommieren können! Tatsächlich aber waren wir erstmal Schütze, pardon, Flieger A… im letzten Glied. Aber das wussten wir da noch nicht.

In Hamm haben wir mal gehalten. Oder war es Hagen? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls gab ich einem Jungen Geld und Bezugsmarken, damit er mir Zigaretten holen sollte. Den Jungen, das Geld und die Marken habe ich nie wieder gesehen – ebenso wenig die heiß ersehnten Zigaretten. Hoffentlich hat sich der verdammte Lauser beim Rauchen ordentlich in die Hosen gemacht! Wir fuhren weiter.

Dann die Grundausbildung. Wir waren in einer heruntergekommenen Marokkaner-Kaserne untergebracht. Ausgebildet wurden wir an uralten französischen Beute-Flinten mit extrem langen Läufen. Ausgang erhielten wir nie, weil wir noch nicht grüßen und Meldung machen konnten.

Gegenüber unserem Kantinenfenster, fast in Griffnähe auf der anderen Seite der höchstens drei Meter breiten Gasse, war ein Etablissement des horizontalen Gewerbes. Dorthin durften wir natürlich auch nicht, egal ob wir grüßen konnten oder nicht. Zu melden hätten wir bei den Damen eh nichts gehabt! Bei dem Sold, für lau? Wohl kaum! Hätte auch zu frivol geklungen: „Flieger G. beim Grabschen und Fummeln!“ Wir konnten uns nur die Nasen plattdrücken und dem regen Treiben in der Gasse neidvoll zuschauen. Da wurde uns erst so viel von den erotischen Finessen der Französinnen vorgeschwärmt – und dann waren wir Neese.

Gott-in-Frankreich sei Dank blieben wir in Saint-Omer nur zirka einen Monat, dann wurden wir nach Maria ter Heide in Belgien verlegt. Eine sinnige Schikane in der dortigen Ausbildung bestand darin, dass man zur Strafe seine Regimentsnummer als Liegestützen durchexerzieren musste. Wir waren das 51ste Flieger-Ausbildungsregiment – Regiment 5 oder 10 wäre uns lieber gewesen. Apropos Liegestütze – auch zu den Belgierinnen hatten wir keinen Kontakt. Die gleiche Malaise wie in France.

An Belgien schloss sich eine infanteristische Ausbildung inkl. Wachdiensten in Eindhoven / Holland an. Dort war ein riesengroßer Flugplatz, wo wir als Wachsoldaten eingesetzt wurden. Von dort aus flogen unsere Flugzeuge, die DO-217 und die JU-86, in Richtung England. Der Feldwebel vom Dienst meinte, gelegentlich unsere Kampfbereitschaft auf Wache mit plötzlichen Scheinangriffen überprüfen zu müssen und schlich sich gerne mal an. Ein wortwörtlicher Schuss vor den Bug hat ihn dann veranlasst, es künftig sein zu lassen. Ab da war Ruhe auf Wache.

Danach ging es nach Haamstede auf der Insel Schouwen an der Scheldemündung. Haamstede war für uns der sprichwörtliche „A… der Welt“. Ich gehörte zum schweren Zug meiner Einheit. Im schweren Zug gab es den Panzernahbekämpfungstrupp (Schweres MG, Leichtes MG, leichter und schwerer Granatwerfer). Ich war Truppführer am schweren Granatwerfer 8.8 cm. Als Truppführer musste ich nur eine Pistole tragen und das Entfernungsmessgerät. Alle anderen schleppten die schweren Einzelteile des Granatwerfers: Bodenplatte, Rohr, Dreibein und Munition. Jedes Teil wog an die 20 Kilo. Dazu noch Gewehr, Seitengewehr, Gasmaske und Brotbeutel. Das Ganze im Sand. Sand soweit die Füße trugen, von unserer Baracke bis zur See – und alles vermint! Trotz des strikten Verbots setzten sich einige Kameraden der Gefahr aus und plünderten Möwennester. Gottseidank ist nie etwas passiert.

Unser Zugführer hieß Bohne. Irgendwie passte der Name nicht, der Oberfeldwebel war von hünenhafter Gestalt. Eines Tags saß ich gerade auf dem Lokus, als der Bataillonskommandeur mit ihm unsere Unterkünfte inspizierte. Bohne riss mit Schwung die Klotür auf. Ich sprang auf, nahm mit heruntergelassenen Hosen stramme Haltung an und machte Meldung: „Flieger Gottaut bei der Notdurft!“ Bohne bekam eine Birne, aber der Kommandeur grinste breit und meinte nur: „Machen Sie ruhig weiter!“

Was mir von damals als anrührend in Erinnerung geblieben ist, ist der Respekt gegenüber gefallenen Gegnern. Mit dem Tode endete jede Feindschaft. Es gab so was wie ein ehrenhaftes, ritterliches und fast bedauerndes Verhalten gegenüber dem toten Opponenten. Wurde ein Feindflieger tot geborgen, aus seiner zerstörten Maschine oder aus der nahen See, dann wurde er mit allen militärischen Ehren bestattet. Der Sarg war mit der Kriegsflagge des Feindes verhüllt, der Ehrenzug trat an, es wurde angelegt und dreimal Salut geschossen: „Legt an, Salve – Feuer!“ Mich hat es jedes Mal tief berührt. Ob man selber auch mal so endete, begraben in fremder Erde?

Zu Weihnachten waren wir immer noch in Haamstede. Zum Zeitvertreib spielten wir Siebzehnundvier. Natürlich um Geld. Ich hatte damals ein Postsparbuch, auf dem ich genau 500 Reichsmark angespart hatte. Das habe ich an einem Abend an Kameraden verzockt. Was mir eine Lehre war. Seitdem habe ich nie wieder Siebzehnundvier gespielt.

Das Interessanteste an dem langweiligen Nest war noch das regelmäßige Granatwerfer-Übungsschießen, eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Die Granate wurde ins Rohr gesteckt und glitt hinab gegen den Schlagbolzen. Einzeln wurden die Bedienungen abgefragt, Bodenplatte, Zweibein, Rohr: „Fertig – fertig – fertig!“ Man dachte noch für sich „Alles fertig!“ und befahl: „Feuer!“ Danach beobachtete man den Einschlag und gab die Korrekturen durch: „10 mehr, 2 links!“

Die Übungsgranaten waren uns als besonders tückisch geschildert werden. Eindringlich wurden wir immer wieder zum vorsichtigen Umgang mit den Granaten ermahnt. Deren Körper waren zwar nur aus Holz, die Zünder jedoch waren echt. Und gefährlich! Schenkte man den Ausführungen der Ausbilder Glauben, war mit ihnen sorgsamer umzugehen als mit rohen Eiern. Das mussten wir natürlich austesten. Haamstede besaß einen Flugplatz, der zur Zeit der Besetzung nicht mehr genutzt wurde. Auf dem aufgelassenen Fluggelände gab es einen alten, hölzernen Flakturm, vielleicht 3 oder 4 Meter hoch. Einer kletterte rauf und ließ von dort oben eine Übungsgranate auf den Boden ditschen. Keine Reaktion. Also runter, die Granate geholt und das Ganze noch einmal. Wieder kein Knall. Also runter und was anderes probiert: ein besonders unerschrockener, weil besonders dämlicher Kamerad hob das Ding auf und schlug es mit dem Zünder voran gegen den Flakturm. Mehrmals.

„Siehste, von wegen gefährlich!“ – Irgendwann knallte es dann doch! Dem Unglücklichen flogen die Splitter im wörtlichen Sinne um die Ohren und zerpflügten sein Gesicht. Mit einiger Mühe konnten wir es den Vorgesetzten als Dienstunfall verkaufen. Ansonsten wären wir vermutlich wegen Wehrkraftzersetzung und Missachtung der Vorschriften vors Kriegsgericht gekommen. Seit diesem Vorfall gab es den Befehl, dass nur noch unser Trupp mit den Granaten hantieren durften. Alle anderen Soldaten waren ab da vom Verladen und Transport befreit.

Apropos Kriegsgericht: das war zu der Zeit ein ziemliche heftige Drohkulisse. Eimal drohte es auch mir. Unser Truppführer, Unteroffizier Hülser, war allgemein unbeliebt. Im Zivilleben war er Lehrer gewesen und wir bedauerten nachträglich noch seine Schüler. Oft ließ dieser Uffz uns mit voller Ausrüstung im Sand strafexerzieren – wie wir fanden, aus reiner Freude an der Schikane. Wenn man schließlich kaum noch schnaufen konnte, kam der Befehl „Gasmaske auf!“ Die Steigerung war dann die Anordnung: „Ein Lied!“ – Der Typ wäre im Feld der typische Anwärter auf einen Schuss in den Rücken gewesen. So lautete jedenfalls die Parole unter uns, hinter vorgehaltener Hand. Im Krieg wurden auf diese Weise so manche Rechnungen beglichen. Offen sagen durfte man so was natürlich nicht – die Folgen wären fatal gewesen.

Mich hatte er einmal auf dem Kieker. Als er wieder mal Wunschkonzert mit Gasmaske befahl, widersetzte ich mich! „Das ist Befehlsverweigerung! Ich bringe Sie vors Kriegsgericht!“, schrie er. Nicht mit mir, dachte ich. „Melde Herrn Unteroffizier, dass ich an den Folgen einer Lungentuberkulose leide. Ich verweigere nicht den Befehl, ich kann einfach gesundheitlich nicht mehr!“ „So? Das wollen wir doch mal sehen! Ab ins Krankenrevier – und wehe Ihnen, wenn Sie sich nur drücken wollen!“

Im Revier war man sich nicht sicher. Da ich mit ca. 11 Jahren tatsächlich Lungen-Tb hatte, kannte ich noch gut alle Symptome und betete sie herunter. Sicherheitshalber wurde ich in ein Lazarett aufs Festland verschifft und blieb da 14 Tage. Endlich Ruhe und menschliche Zuwendung. Die Zeit verging zu schnell. Danach schickte man mich mit unklarem Befund wieder zurück. Ab da hatte ich Ruhe vor dem Schleifer. Er hatte zwar noch auf dem Revier nachgefragt, aber dort gab man ihm wohl die Weisung, mich zu schonend zu behandeln. Außerdem fragte ich beiläufig bei ihm nach, was man bei Beschwerden gegen höhere Dienstgrade beachten müsse. Das muss ihm dann wohl doch zu heikel geworden sein, denn Vorgesetzte waren auch zu dieser Zeit nicht sakrosankt. Misshandlung von Untergegeben wurde schwer bestraft und manche fanden sich unversehens „zur Bewährung“ an der Ostfront wieder. Davor hatten nicht nur Druckposten-Krieger wie besagter Unteroffizier mächtig Bammel. Der Heldentod war für die meisten dann doch nicht so süß und ehrenvoll, wie ihn die damalige Propaganda verherrlichte.

Der Schleifer hatte das große Sterben übrigens überlebt. Nach dem Krieg sah ich den Mann zufällig wieder. Es war in einem Bahnhof, auf einer Hamstertour wie damals üblich und überlebenswichtig. Er haute gerade jemanden um eine Zigarette an. War es Hamm, war es Hagen – ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich hoffte, der Schlingel vom Zigarettenholen ’42 wäre wieder in der Nähe.

Wird fortgesetzt …