Aller Anfang …

erzählt von Gerhard Gottaut, aufgeschrieben von Detlev Gottaut

Das Schwerste bei jedem Weg, egal ob er lang ist oder kurz, ist die Entscheidung aufzustehen und den ersten Schritt zu tun. Immer wieder hatte ich vor, einmal alles aufzuschreiben, was in meinem Leben so passiert ist, doch bekanntlich ist aller Anfang schwer.

Ich bin Jahrgang 24. Man bedenke: Neunzehnhundertvierundzwanzig! Da kommt schon einiges zusammen: Eine Kindheit ohne Fernsehen, ohne Kühlschrank. Lampen ohne Strom, befeuert mit Petroleum oder Gas. Filme nur in schwarzweiß, aber immerhin schon mit Ton. Dann der Krieg! Verlust der Heimat, Wiederaufbau. Wahre Liebe, Hochzeit, Kinder. Alles „nur“ Buben, dreimal. Gute Jungs. Das erste Auto, Telefon, Mondlandung, tragbare Radios. Handys, die fotografieren können und die Computer ersetzen. Autos, mit denen man spricht und so vieles mehr.

Nun, da der längste Teil des Lebens unbestreitbar hinter mir liegt, fange ich endlich damit an. Und dann auch noch in einem Internet-Blog! Eigentlich ist das alles kaum zu glauben! Als ich der kleine, mittellose Junge in Königsberg war und von Abenteuern und Helden träumte wie jeder kleine Knirps, war selbst in unseren kühnsten Vorstellungen nicht zu ermessen, wie die Welt sich in einem einzigen Lebensalter ändern würde.

Manchmal wünsche ich mir eine Zeitmaschine. Dabei ist es weniger die Zukunft, die ich mich neugierig macht. Für mich ist es mit zunehmendem Alter gerade die Vergangenheit, die mich in ihren Bann zieht. Das Morgen kommt von selbst, das Gestern hingegen ist oft verloren. Meine Heimat war Ostpreußen, mein Atlantis heißt Königsberg. Verblassende Erinnerungen auf vergilbten Fotos, die man mit Wehmut betrachtet – ein ziehender Schmerz in der Seele, mit dem sich von Zeit zu Zeit die Sehnsucht nach der Heimat bemerkbar macht. Im Traum erscheinen mir oft die Bauten und Straßen meiner Heimatstadt und erstehen wieder für mich auf – unauslöschbare Spuren meines Damals. Details, die kein Geschichtsbuch lehren kann, die aber in jeder Bitte der Kinder und Enkel mitschwingt: „Erzähl doch mal, Papa (oder Opa), wie war das damals?“

Ein Problem gibt es jedoch mit dem Niederschreiben. Wenn man 95 geworden ist, häufen sich die Wehwehchen und leider hat meine Sehkraft mich fast vollständig verlassen. Aber ich will nicht jammern – „so kaputt oder totgekitzelt“ lautet seit jeher mein Wahlspruch. Nutzt ja nix, über verschüttete Milch zu lamentieren. Wenn schon, dann lieber mit einem Lachen scheitern. Ich sehe zwar nur noch schemenhaft, aber im Stübchen oben brennt noch Licht und vor meinem geistigen Auge ist Königsberg noch genauso, wie ich es zum letzten Mal gesehen habe – bevor ich es für immer verlassen und in den Krieg ziehen musste. Und so bediene ich mich eines Ghostwriters, dem ich alles schildere. Haben schon andere vor mir gemacht und sind dabei reich geworden. Diesen Ehrgeiz besitze ich zwar nicht, aber es schönt vielleicht den Nachruhm.

Lassen wir also nicht noch mehr Zeit vergehen! Allzu viel wird mir von unserem Herrgott, bei aller Fürsprache meiner lieben Oma Königsberg, wohl nicht mehr zugestanden werden. Gehen wir es also an, verreisen wir gemeinsam in die Welt meiner Jugend!

Gerhard Gottaut

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