In der Lomse

Wir wohnten in der Lomse, Vorderlomse 1b. Sechs Stockwerke grau verputzter Backstein – drei Wohnetagen und auf jeder vier Wohnungen. Parterre wohnte wohl keiner, ich erinnere mich nur an Abstellräume. Unterm Dach zwei Speicherböden. Die Königsberger nannten es, zusammen mit der Haushälfte 1c, das 1000-Seelen-Haus. 1b war rechts.

Gegenüber, in Haus Nummer 40, die Bäckerei Giedigkeit. Die Backstube im Keller. „Giedichkeit, die Welt vergeiht, wegen diner Damlichkeit!“, höhnten die Lorbasse auf der Straße laut und dreist. Das frische Brot duftete herrlich zu uns herüber und machte Appetit.

Rechts neben uns ein halb so hohes, älteres Haus (1a), das sich, Mauer an Mauer, an unseres schmiegte. So reihte sich Haus an Haus, wie die großen, abgerundeten Steine des Kopfsteinpflasters unserer Straße – einmal vor und auf der anderen Seite wieder zurück. Neben uns gab es noch einen Häuserblock, der gehörte aber schon zur Lindengrabenstraße und hatte dort seinen Eingang.

Alle Wohnungen hatten den gleichen Grundriss: eine Küche und ein Zimmer. Nicht eben viel Wohnraum. Unsere Wohnung lag im ersten Stock. Aus den zwei Fenstern im Wohn-Schlafraum (wir nannten es die gute Stube) blickte man auf die Vorderlomse und die gegenüberliegenden Häuser.

Rechts neben uns wohnte die Witwe Ottenberg mit ihrem Sohn Walter. Der arbeitete sich vom einfachen Arbeiter hoch und war später sogar Pilot bei der Lufthansa. Im August ’39 hatte er Ribbentropp nach Moskau geflogen, davon erzählte Frau Ottenberg gerne und mit mütterlichem Stolz. Im Krieg war er Ausbilder für Nacht-/Blindflug und stürzte 1941 tödlich ab.

Zwischen unseren Wohnungen war die Wasserstelle. Von hier holte sich das ganze Stockwerk sein Wasser. Neben Ottenbergs war ein schmaler, länglicher Lichthof. Der ging von unten, wo die Mülltonnen standen, bis zu den Dachböden. Zur Absicherung hatte der in jedem Stock ein Holzgeländer.

Im Treppenhaus, rechts am Geländer angelehnt, war auch der Lokus – man bedenke: ein Abort für 4 Mietparteien, sprich für 15 bis 20 Menschen. Wenn im Haus mal Dünnpfiff grassierte, wurde der Sitz nicht kalt. Da hieß es dann, die Pobacken zusammen zu kneifen! Fürs kleine Geschäft benutzte man notfalls das Nachtgeschirr, das unter dem Bett stand. Nachtöpfe gab es damals in jedem Haushalt, sie ersparten den Weg nach draußen in die Kälte und man war schneller wieder im warmen Bett.

Das stille Örtchen war ein kleines Kämmerchen, gerade mal groß genug für die Kloschüssel. Keine aus Porzellan, nur ein schlichter Emailletrichter, ringsum holzverkleidet. Die Klobrille erübrigte sich damit. Auch die Wasserrohre hatten Holzverschalungen. In denen hörten wir oft die Ratten laufen. Zum Abwischen wurde zurecht geschnittenes Zeitungspapier verwendet. Wir nahmen das Königsberger Tagblatt. Man könnte sagen, für uns waren die Nachrichten aus aller Welt für den – aber lassen wir das.

Das Klo war auch mein Kommandoturm beim U-Boot spielen. Ich war Kapitän von U 9, Otto Weddigen, der 1914 drei britische Panzerkreuzer in nur 75 Minuten versenkte. Ein Kriegsheld. Von dem und anderen Größen der Zeit sammelten wir die Bilder. Die gab es in vielen Zigarettenschachteln. Opa rauchte nicht, der kaute nur Priem. Oma auch nicht, das war nicht schicklich. Aber die anderen in der Familie, Muttern, Onkels und Tanten, knarzten reichlich. Da fiel einiges ab. Was doppelt war, wurde getauscht.

Ich stand einsam auf der Brücke und suchte, die Hände vor den Augen zu einem imaginären Fernglas geformt, die See nach versenkbarer Tonnage ab. Zog ich an der Kloschnur, war Alarmtauchen. Neben dem Turmluk meines U-Boots lag die Küche von Eggerts, der dritten Partei auf dem Stockwerk. Tauchte U 9 zu oft ab, tauchte Frau Eggert auf: „Du Lorbas, willt je wohl moken, dat je hier rut küt!“

Neben Eggerts lebte Familie Nurna. Herr Nurna war Invalide. Beim Boxeraufstand in China bekam er einen Schuss ab und besaß fortan ein Holzbein und eine Invalidenrente. Viel war es wohl nicht, er besserte sie sich mit Flaschensuchen auf der Deponie auf. Von unten führte die Treppe direkt neben die Wohnungstüre von Nurnas und von unserer ging es ein Stockwerk höher. Zwischen den Wohnungen lag der gemeinsame Hausflur aus Holzdielen.

Öffnete man eine Wohnungstür, war man direkt in der fensterlosen Küche. Die hatte nur Gaslicht. Elektrischen Strom gab’s nur im Treppenhaus, für das Minutenlicht. Fenster hatte allein die gute Stube. Tageslicht bekam die Küche von dort. War die Stubentüre geschlossen jedoch nur recht spärlich – durch eine kleine Butzenscheibe. Darum stand die Tür tagsüber meistens offen. Das Licht der Gaslampe war kalt und grell, gerade so wie das der Straßenlaterne vor unserem Haus. Außerdem war Gas teuer. Abends stellten wir darum eine Petroleumlampe auf den Tisch. Das war billiger und ihr Licht war wärmer, gemütlicher.

Betrat man unsere Küche, stand links ein Büffet mit allen Küchenutensilien. Daneben eine zirka 1 Meter tiefe Einbuchtung, die bis zur nächsten Wand reichte und die mit einem Vorhang kaschiert wurde. In dieser Nische wurden alle möglichen Haushaltsgegenstände verstaut, auch eine Zinkwanne für die Wäsche und für die Körperpflege. Samstags war Badetag. Wasser holen und kochen und ab in den Zinkwanne. Hygiene war eher selten, damals war man nicht so reinlich wie heute. Auch die Wäsche wechselte man nicht so oft.

Vor dem Vorhang eine Holzbank (ohne Lehne) und ein Küchentisch. Dessen Platte endete an der Wand. Der Tisch war ein Prachtstück, Marke Eigenbau. Geschreinert aus rohen Brettern und belegt mit Balatum, einem dünnem Linoleumersatz. Die Kanten umsäumten abgerundete Leisten, der Bequemlichkeit wegen. Oma Lina und ich saßen auf der Bank, Opa Franz hatte seinen Stammplatz gegenüber, auf dem einzigen Stuhl.

Wenn ich abends im Bette lag („Aber lasst bitte die Türe auf!“), saßen die Erwachsenen dort oft noch zusammen. Neugierig lauschte ich den Geschichten, die man sich erzählte. Ich kann mich noch an gruselige Fragmente erinnern, zum Beispiel erzählte eine Frauenstimme, dass im selben Moment, als der Mann fiel, sie sein Gesicht im Fensterglas sah. Oder ein Stuhl kippte, wie von Geisterhand bewegt, im selben Augenblick um, in dem ein geliebter Mensch starb. Ich zog sicherheitshalber das Federbett über den Kopf. Mich schauderte wohlig unter meiner Decke und ich schlief ein.

Rechts neben der Türe zur Stube war ein gemauerter und gekachelter Herd. Daneben, fest auf einem Wandbrett installiert, eine kleine Gaskochplatte. Aber auf der wurde nur in Ausnahmefällen gekocht – wie gesagt, Gas war teuer. Befeuert wurde der Kachelherd mit der Kartonpappe, die Oma von Schuh Tack mitbrachte. Dort hatte sie eine Putzstelle. Briketts waren zu schade fürs Kochen, die waren nur für den Kachelofen auf der Rückseite der Wand, neben Opas Bett.

Meine Aufgabe war es, das Herdfeuer nicht ausgehen zu lassen. Fasziniert saß das Jungchen vor dem Feuerloch und schob eifrig Pappefetzen um Pappefetzen nach. Vermutlich kommt daher mein Faible fürs »Pesern«. Auch ein fast vergessener Ausdruck, niederdeutsch für „Zündeln“. Nicht, dass aus mir ein latenter Brandstifter geworden wäre, beileibe nicht! Aber die Faszination, die vom Feuerschein eines Kamins oder dem Anblick einer wohligen Glut ausgeht, rührt wohl von dieser Kindheitserinnerung her. Auch heute noch schaue ich gerne und gebannt in den Schein eines prasselnden Feuers.

Abgespült wurde auf dem Küchentisch. Irgendwann hatte mein Onkel – Willy Rubach war ein handwerklich begnadeter Tausendsassa, der auch den Küchentisch gezimmert hatte – von der Zapfstelle im Treppenhaus eine Wasserleitung in die Küche der Großeltern abgezweigt. Da musste man dann schon nicht mehr auf den Gang hinaus. Später hatte er noch vom Gang draußen eine Stromleitung in die Wohnung verlegt. Ab da hatten wir dann (ob das wohl legal war?) elektrisches Licht in der Küche und in der Stube. Das war schon was!

Keller gab es keinen – Lomse heißt Sumpfgelände (der Pregel war gleich nebenan) und wohl darum hatten die Häuser keine Kellergeschosse. Unsere Wohnung lag im ersten Stock. Auf dem Dachboden wurde die Wäsche getrocknet, das heißt, auf dem rechten Dachboden, weil der die doppelte Höhe hatte. Im linken war ein Zwischenboden eingezogen. In den zwei entstandenen Etagen waren die hölzernen Verschläge der Bewohner. In der unteren hatten wir unser Abteil.

Ich hatte immer ein wenig Bammel, wenn ich von dort etwas holen musste. Der Speicher war unbeleuchtet, man musste immer eine flackernde Funzel mitnehmen. Trotzdem war es sehr duster dort oben. Am Ende des Gangs, der durch die Verschläge führte, war von unbekannter Künstler- oder Bubenhand mit Kreide ein Männerkopf mit Cowboyhut an die Wand gemalt worden. Ich hatte immer das Gefühl, da lauerte jemand und fühlte mich recht unwohl.

Außerdem hatte sich da mal einer das Leben genommen. Die Kerze, die er dabeihatte, brannte schließlich sogar einen Teil des Dachbodens ab. Aber wir hatten Glück – das Feuer wurde rechtzeitig entdeckt und keine Wohnung war vom Löschwasser betroffen. Das war das erste Mal, dass es dort gebrannt hatte. Bald darauf brach auf dem Speicherboden noch einmal Feuer aus – dieses Mal sprach man von Brandstiftung, konnte aber keinen Täter ausfindig machen. Für uns Kinder war es jedenfalls ein faszinierendes Spektakel, von der sicheren anderen Straßenseite aus den Flammen und der Feuerwehr zuzusehen. Die war bereits motorisiert und hatte eine lange Drehleiter!

Aber zurück zum intakten Dachboden – wie gesagt hatte jede Familie dort einen Verschlag als Vorratsspeicher. Bei uns lagerten hauptsächlich Kartoffeln, Marmeladengläser und Eingemachtes aus dem Garten. Alles vier Treppen rauf und irgendwann mal wieder runter. Am schlimmsten waren die Kohlen, die Säcke waren elendig schwer. Wenn ich wieder mal Sachen schleppen musste, beneidete ich alle Kameraden, die einen Keller hatten. Dort ließ man „K & K“, also nicht kaiserlich-königlich (k.u.k.) sondern Kartoffeln und Kohlen, einfach die Holzrutschen runter und musste sie nur noch einkellern.

Zum Ausgleich für diese Ungerechtigkeit bekam ich von der Plackerei ordentlich Muskeln. Das war bei Auseinandersetzungen mit anderen Jungs auf der Straße durchaus von Vorteil. Die bekamen ‚Schlorre‘ von mir, wenn sie es auf einen Kampf ankommen ließen. Schlorre – ein typisch ostpreußischer Ausdruck. Kommt von „die Schlorre“ und bezeichnet einen Pantoffel. Der wurde damals (neben Rohrstock und Teppichklopfer) als nachdrückliche Erziehungshilfe eingesetzt. Hatte man etwas verbrochen, bezog man mit der Schlorre tüchtig Senge (noch so eine alte Bezeichnung).

Kloppereien und Straßenschlachten waren damals an der Tagesordnung und unter uns Jungen ein gängiger Zeitvertreib. Man hatte ja sonst nix. Wir von der Lomse gegen die roten Bowkes vom Sackheim, ein Straßenzug gegen den anderen, auf dem Bergewall.

„BOWKES, DOOFKES“, stichelten wir. Die Antwort kam prompt: „DOMSE VON DE LOMSE!“

Dann gings los. Aber immer gesittet – wer lag, der lag und wurde geschont. Oder man spielte Räuber & Gendarm, Cowboy & Indianer oder Tom Sawyer & Huckleberry Finn. Dann wurde der Pregel zu unserem Mississippi.

Ich las zu der Zeit bereits viel und mit Begeisterung alles, was ich in die Finger kriegen konnte. Neben dem Gartengelände, wo auch der Opa seinen Garten hatte, gab es eine Mülldeponie. Dort wurden unter anderem auch Schulbücher, die an den Schulen ausgemustert wurden, entsorgt. Ich betrachtete die Deponie als meine persönliche Bücherei und besuchte sie regelmäßig. In der Schule mochten sich meine Kameraden (und wohl auch manche Lehrer) des Öfteren über mein Wissen gewundert haben.

Auch Opa Franz ging das eine und andere Mal zu dieser Müllhalde, um nach Brauchbarem zu stöbern. Einmal fand er dort ein Paar Schlittschuhe, das er vom Rost befreite und für mich reparierte. Ein anderes Mal brachte er einen einzigen, aber intakten Rollschuh an. Mit dem „rollhinkte“ ich dann in unserer Straße herum, das heißt auf dem Trottoir, denn die Vorderlomse hatte Kopfsteinpflaster, das war nicht tauglich. Immer mit dem einen Fuß vom Boden abstoßend und auf dem anderen balancierend. Die anderen Kinder beneideten mich glühend um diesen Schatz – unter den Blinden ist der Einäugige König!

In der Nähe, keine 100 Meter weiter, lag die Königsberger Synagoge, daneben das jüdische Waisenhaus. Zwei meiner Klassenkameraden lebten dort. Mit den Kindern dort unterhielt ich einen florierenden Tauschhandel, Bücher (vermutlich aus deren Bibliothek) gegen Obst aus unserem Garten. So kam ich zu meinen ersten Büchern. Das waren die ersten zwei Tarzan-Bände. Eine Nachbarin wusste, dass ich eine Leseratte war und schenkte mir den Tom Sawyer von Mark Twain. Der blieb mein Leben lang einer meiner Lieblinge. Neben Winnetou, Old Shatterhand und den anderen Figuren von Karl May.

In der Stube war nicht viel Platz. Links neben der Tür stand Omas Bett. Bis ich dafür zu groß wurde, schlief ich mit Oma in ihrem Bett, danach auf einem Lager aus zwei zusammengeschobenen Sesseln dahinter. Irgendwann konnte ich mir von meinem Ersparten vom Zeitungsaustragen eine Chaiselongue leisten. Weil die keine Rückenlehne hatte, kam an die Wand eine Stange und ein Teppich wurde daran aufgehängt. Daneben imponierte Großvaters Regulator – eine Uhr, die nur er aufziehen durfte. Dann noch mal ein Büffetschrank. In dem verstaute Oma Decken und Kleider.

Damit war die Wand voll und es begann die Fensterfront. Zwei Fensteröffnungen, dazwischen ein schmales Wandstück. In jeder Laibung 4 Fensterflügel, jeder mit einer horizontalen Strebe geteilt. Wie damals üblich (Königsberg hatte bitterkalte und lange Winter) gab es ein inneres und ein äußeres Fensterpaar. In der kalten Jahreszeit legte man Decken dazwischen, damit es in der Stube nicht zog. Das äußere öffnete sich zur Straße hin. Die hölzernen Simse waren recht tief, ungefähr 50 Zentimeter. Im linken standen Omas Topfpflanzen und Kakteen, die andere Fensterbank benutzte ich als Sitzfläche und Aussichtspunkt auf die Straße.

Zwischen den Fenstern unser Trumeau, der lange, schmale Wandspiegel. Darunter eine Truhe, davor ein 25-Liter-Gärballon mit Opas frisch angesetztem Johannisbeermost. Der Beerensaft gärte und gluckste, es roch „hefig“. Irgenwann hörte das Blubbern auf und der Wein war fertig.

„Was’n dis?“ fragte Horst Stonies, als er mich eines Morgens zur Schule abholte und die Flasche sah. „Lass mal probieren!“ „Ne, mit dem is‘ mein Großvater ziemlich eigen!“ „Schisser! Traus‘ dich wohl nich‘?!“

Schisser ging gar nicht! Ich und nicht trauen – also ran wie Max & Moritz bei Witwe Bolte und frisch und frech gewagt! Ein ums andere Mal wurde ab da der rote Stoff unerlaubterweise von mir angezapft. Die Flasche hatte rundum ein Korbgeflecht, das kaschierte den sinkenden Pegel. Großvater wunderte sich irgendwann, dass er eine (mutmaßlich) volle Flasche derart neigen musste, bevor der erste Tropfen kam: „Da wor doch schon wieder so een Saujong an minem Win!“

Der kleine Gerd war natürlich von jedem Verdacht ausgenommen. Es war wie in einem guten Krimi – auf den wahren Täter kommt man zuletzt.

Rechts neben dem Fenster, in der Zimmerecke, stand ein kleiner runder Tisch, davor ein Stuhl. Dort machte ich meine Hausaufgaben. Meistens aber erledigte man das in der Schule: „Hast du Mathe? Gib her!“

Neben dem Tisch ein Kleiderschrank, nicht Großes, vielleicht eins-sechzig breit. Soviel Kleidung wie heute hatte man damals nicht, man trug sie übrigens auch länger. Gewaschen wurde selten. Waschmaschinen waren zwar schon erfunden, in Königsberg kannte ich aber niemanden, der eine besaß. Wenn wir uns eine hätten leisten können, hätten wir auch weder Platz noch Strom gehabt. Klamotten, die man in der Jahreszeit nicht brauchte, kamen auf den Speicher.

Oben auf dem Schrank lagerten Opas Äpfel aus dem Garten. An das Möbel schloss sich Opas Bett an, mit seinem Stuhl nebendran. Im Zimmer standen noch ein Tisch und ein paar Stühle. Keine Ahnung, wie alles einen einzigen Raum hineinpasste, aber irgendwie ging es wohl. Platz ist eben in der kleinsten Hütte!

In der Stube hielt Oma auch ihre Kaffeekränzchen ab. Alle paar Wochen war sie an der Reihe. Den Teig für den Kuchen bereitete Oma vor, anschließend brachte sie das Kuchenblech zur Bäckerei und ließ es dort mit der Restwärme vom Brotbacken ausbacken. Das kostete nur wenig Geld. Sie ging immer zu einem Bäcker, der etwas weiter in der Vorderlomse lag und nicht zu Giedigkeit, obwohl der doch genau gegenüber war. Vielleicht hatte sie sich geniert. Oder Giedigkeit machte das prinzipiell nicht – dann bliebe man ja auf den eigenen Kuchen sitzen?

Bei einer Kaffeehandlung im Kneiphof musste ich 1/8 echten (!) Bohnenkaffee holen. Ganze Bohnen – die mahlte man mit der Kaffeemühle zwischen den Knien. Immer das Fach auf und nachgeguckt, dass das Mehl nicht zu fein wurde. Zu grob durfte es auch nicht sein. War der Mahlgrad recht, zog man das kleine Fach heraus und schüttete das Kaffeemehl vorsichtig in die mit heißem Wasser vorgewärmte Kanne. Unsere war schlicht, nicht aus Porzellan, sondern aus gebranntem und verglastem Ton. Zuerst immer nur wenig heißes Wasser, damit der Kaffee quellen konnte und erst danach den Rest. Dann hieß es warten, gefiltert wurde nicht – „Kaffee hat es bequemer als Tee! Er darf sich setzen und der Tee muss ziehen!“ Ha ha. Auf den Tisch kamen noch die gute Decke und Blumen aus dem Garten. Dann wurde ausgiebig plachandert. Die letzten Tassen wurden vorsichtig ausgegossen, sonst kam der Prott mit.

Dort also lebte ich (anfangs auch noch meine Mutter) mit meinen Großeltern Franz und Karoline. Für mich waren sie mehr als nur Vater- und Mutter-Ersatz. Ich hätte mir keine liebevolleren Eltern wünschen können.

Meine Mutter Hedwig war eine lebenslustige, junge Frau und den angenehmen Dingen des Lebens durchaus zugetan. Mein leiblicher Vater war es ihr gegenüber auch, leider aber nur für die Zeit der außerehelichen Befruchtung. Mutter hatte Fritz Ussat zuhause bereits als ihren Verlobten vorgestellt. Später kam heraus, dass er schon eine andere Freundin hatte. Als meine Mutter sich daraufhin von ihm trennte, war sie mit ihren 21 Jahren bereits schwanger. So behielt Vater Ussat seine Freiheit und ich den Mädchennamen meiner Mutter – der mir aber viel besser gefiel, weil er sehr selten und außergewöhnlich war (und ist). Zudem klingt er elegant Französisch – altes Hugenottengeschlecht eben.

Auf der anderen Straßenseite, Hausnummer 39, wohnte Tante Mimi. Sie war mit Onkel Rudolf verheiratet. Rudi Rimke war Schuhmacher. Von ihm ließ sich die ganze Familie die Schuhe flicken. Aber immer gegen Bezahlung, da war er genau! Schließlich hatten Rimkes vier Kinder zu versorgen: Hilde, Herta, Lisbeth und Herbert.

Wie bereits erwähnt, war meine Mutter recht sinnenfroh. Sie rauchte und poussierte gern und war ein überaus vorzeigbares Mädchen – sonst hatte man nun mal wenig Abwechslung vom tristen Alltag und Tanzen war ein gängiges und vor allem ein preiswertes Vergnügen. Einmal kam sie im harten ostpreußischen Winter barfuß von einem Tanzvergnügen, nur um ihre Tanzschuhe zu schonen! Ja, die ostpreußischen Marjellchen waren hart im Nehmen.

Mein Großvater hatte seiner Tochter zwar gedroht: „Wannste mit nem Balg heym kummst, kannst glei na’n Pregel gahn!“ – aber so schlimm kam es dann aber doch nicht. Vielleicht lag es daran, dass er ein streng gläubiger Mensch war. Damals gab es in Ostpreußen jede Menge christlicher Gruppierungen und mein Großvater gehörte zu einer sektenartigen Gemeinde, den Was-weiß-ich-Jüngern. Ha, die erste Erinnerungslücke! Nein, halt – es war die Gemeinde Elim! Bei denen war er so etwas wie ein Küster und Männchen für Alles.

Opa Franz wusste bis zum Tage meiner Geburt tatsächlich nichts von Mutters Schwangerschaft. Ob es an der schlechten Beleuchtung lag oder an der damaligen Kleidung? Als jedenfalls um den 16. Januar 1924 herum die Wehen einsetzten, wies die sonst so zurückhaltende Mutter Karoline ihren Franz resolut an, für seine Tochter eine Taxe zu bestellen. Der meinte zwar: »Wenn die Marielle zu Fuß zum Tanz gahn kann, dann kann sie auch ins Krankenhaus gahn!«. Letztlich aber bestellte er doch die Benzindroschke. Und seine abweisende Haltung: „De Jong blevt nich bi uns!“, dauerte gerade mal so lange, bis er seinen ersten Enkel auf dem Arm hielt. Danach war klar: Hedwig und vor allem das Gerdchen wurden nicht nur in Gnaden sondern mit Freuden aufgenommen – trotz der finanziellen und räumlichen Knappheit.

Knapp waren die Mittel in der Tat. Großvater Franz war schließlich nur pensionierter Faktor in einem Holzunternehmen. Heute hieße das Facility-Manager. Aber ob Faktor oder Manager – Opa bekam nur 63 Reichsmark Rente und allein für die Miete gingen schon 13 Reichsmark drauf. Große Sprünge könnte man also nicht machen.

Dafür hatten wir einen Garten. In dem züchtete Großvater Stallhasen und „Hiehner“, was uns manches Mal unsere sonst fleischlose Speisekarte aufbesserte. Die Gänse, die er hingebungsvoll aufzog, waren hingegen nicht für uns bestimmt. Die wurden zu Weihnachten an Bessergestellte verkauft. Von dem Erlös ermöglichte und Opa uns Anschaffungen, die uns sonst nicht erschwinglich gewesen wären.

Außerdem pflanzte er alle Sorten von Gemüse an, auch Kartoffeln und Obst. Akribisch führte er darüber Buch. Jeden Morgen und Abend zählte er die Äpfel an seinem Baum. Wehe, einer fehlte! Dann bekamen die verdächtigten Lorbasse was zu hören: „Da ha’m mir diese Hurenjungens schon wieder de Apfels geklaut!“ – Es blieb aber beim Schimpfen und das tut bekanntlich nicht weh. Im Übrigen waren es diebische Marjellchens gewesen, Mädchen also, und keine Jungs. Schlimmer noch, es war die eigene Tochter, die großzügig ihre Freundinnen versorgte. Die Äpfel, die er glücklich vor unerlaubtem Zugriff retten konnte, wurden später im Zimmer oben auf dem Schrank aufbewahrt.

Ich war Opas erklärter Liebling und dazu derjenige, der seinen Namen fortbestehen lassen würde. Darum gab es in seinem Schrebergarten hinter den Wohnblöcken für mich eine besondere Vergünstigung: Großvater Franz pflanzte seinem kleinen Enkel drei eigene Johannisbeersträucher: schwarz, weiß und rot. Da durfte kein anderer dran, die waren nur fürs Gerdchen. Noch heute denke ich (leicht wehmütig) an die leckeren Beerenfrüchte. In meiner Erinnerung werden sie jedes Jahr immer ein klein wenig größer und süßer.

Oma Königsberg, meine Großmutter Caroline, war die unscheinbare Kraft im Hintergrund. Sie hielt alles zusammen, treu und beharrlich. Meinen Großvater, ihren geliebten Franz, pflegte sie hingebungsvoll, als dieser an Speiseröhrenkrebs erkrankte und jämmerlich dahinsiechte. Er starb 1939, kurz nach Kriegsausbruch. Nur ein Armenbegräbnis auf dem Gottesacker, keine Grabstelle, ein anonymes Grab. Kleine Leute vergehen ohne Aufsehen, die Welt nimmt kaum Notiz. In meiner Erinnerung sehe ich die gebeugte, zierliche Gestalt meiner Großmutter. Bereits vorher immer in schwarzer Kleidung. Oma Lina ging sehr krumm und man sah ihr an, dass sie ein arbeitsreiches Leben hinter sich hatte. Damals war es mir manchmal peinlich, neben ihr auf der Straße zu gehen. Vermutlich wollte ich nicht für arm gehalten werden. Doch arm wie sie war, kümmerte sich hingebungsvoll um ihren großen Jungen und wie eine Löwin war sie voll beschützendem Mutterinstinkt: „Lass das Jungchen man bloß schlafen, der is noch so miede!“ – Im Nachhinein tut einem manches im Leben leid …

Wird fortgesetzt